Kindermisshandlung mit System – die Com-Netzwerke hinter Fällen wie „White Tiger“

Im Fall „White Tiger“ wurde aufgedeckt, wie mehrere Kinder online mutmaßlich manipuliert und missbraucht wurden – von Selbstverletzung über sexuelle Handlungen bis hin zur Aufforderung zum Suizid. ZEBRA erklärt, warum das kein Einzelfall ist und wie Eltern frühzeitig aktiv werden können.
Lesedauer: 2 Minuten
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23. Juli 2026

Was sind Com-Netzwerke – und wer ist „White Tiger“?

„White Tiger“ ist das Pseudonym eines zum Tatzeitpunkt 20-jährigen Mannes aus Hamburg. Über 30 Kinder und Jugendliche soll er online mutmaßlich zu sexuellen und selbstverletzenden Handlungen gedrängt haben. Es kam auch zu Aufforderungen zum Selbstmord. In einem Fall soll er den daraus resultierenden Tod eines Kindes live über sein Smartphone verfolgt haben. Ermittlungen legen nahe, dass das kein Einzelfall war: „White Tiger” soll Teil eines globalen agierenden Netzwerkes sein.

Solche Netzwerke nennt man auch „Com-Netzwerke“. Der Begriff kommt vom englischen „community“, also auf Deutsch „Gemeinschaft“. Diese Online-Gemeinschaften nehmen über soziale Netzwerke, Online-Spiele oder Messenger-Dienste Kontakt zu Kindern und Jugendlichen auf. Sie sind dabei nicht nur selbst gewaltverherrlichend, sondern treiben Jugendliche zum Teil auch gezielt dazu an.

Wie gehen die Netzwerke vor?

Die Täterinnen und Täter gehen gezielt auf Kinder und Jugendliche zu – besonders auf solche, die sich online sensibel oder verletzlich zeigen. Zunächst gewinnen sie das Vertrauen der jungen Menschen, um sie anschließend besser kontrollieren, manipulieren und entwürdigen zu können.

Hier geht es um Macht.

Häufig zielen Erpressungen darauf ab, materielle Gegenleistungen wie Geld oder Wertgegenstände zu erzwingen. Com-Netzwerke funktionieren anders. Hier stehen Macht und Anerkennung innerhalb der Gemeinschaft im Vordergrund. Die Logik dahinter ist perfide: Je mehr Leid sich eine betroffene Person zufügt, desto höher ist das Ansehen der Täterinnen und Täter in der Gruppe. Auffällig ist: Häufig sind diese selbst noch jung. Denn innerhalb der Erpressung werden manche der Kinder und Jugendlichen dazu gedrängt, sich dem Netzwerk aktiv anzuschließen – so werden die Geschädigten selbst zu Täterinnen und Tätern.

Was kann konkret passieren?

Die Betroffenen werden zu Handlungen gedrängt, die tiefe Spuren hinterlassen können. Diese Handlungen sollen sie oft auch dokumentieren, zum Beispiel in Form von Bildern, Videos und Live-Streams.

  • Gewalt gegen sich selbst: Die Betroffenen sollen sich selbst verletzen, sich Wunden zufügen oder im schlimmsten Fall Selbstmord begehen.
  • Sexuelle Erpressung: Die Betroffenen werden dazu gedrängt, sexuelle Handlungen vorzunehmen. Hier ist das Risiko, dass sie mit Bild- oder Videoaufnahmen davon erpresst werden, besonders hoch.
  • Gewalt gegen andere: Häufig werden Betroffene auch gedrängt, ihrem Umfeld Schaden zuzufügen. Dabei geht es um klare Straftaten wie Sachbeschädigung aber auch Tierquälerei oder Körperverletzung.

Wie erkenne ich, ob mein Kind gefährdet ist?

Der Gedanke, dass das eigene Kind in solche Strukturen abrutschen könnte, kann sehr beängstigend sein. Glücklicherweise gibt es einige Warnsignale, dass ein Kind gefährdet sein kann.

  • Das Kind zieht sich sozial zurück: Häufig brechen Betroffene aus Scham oder Schuldgefühlen den Kontakt zu ehemals wichtigen Bezugspersonen im Familien- und Freundeskreis ab.
  • Veränderte Lebensgewohnheiten: Auch indirekte Anzeichen wie unerklärliche Umschwünge im Ess- oder Schlafverhalten können Auswirkungen sein – insbesondere, wenn sich Online-Zeiten in die Nacht verschieben.
  • Auffällige Selbstverletzungen: Frische, wiederkommende Verletzungen können Com-Netzwerke als Ursache haben. Besonders wenn die Narben an Symboliken erinnern, ist ein genaues Hinschauen gefragt.
  • Verhaltensänderungen gegenüber dem Kind: Da die Betroffenen auch selbst zu Tatpersonen werden können, verändert sich unter Umständen auch das Verhalten des Umfelds ihnen gegenüber. Zeigt das Haustier bspw. Verletzungen und Angst gegenüber dem Kind? Berichten Freundinnen und Freunde über körperliche Übergriffe?

Dabei gilt: Viele dieser Anzeichen können auch andere Gründe haben – also keine vorschnellen Schlüsse ziehen! Häufen sich aber mehrere Anzeichen, ist das ein guter Anlass, das Gespräch mit dem Kind zu suchen.

Das beste Mittel: Vorbeugung

Um Kinder online bestmöglich vor solchen Situationen zu schützen, können Eltern vor allem eins tun: Eine gefestigte und enge Beziehung zum Kind pflegen. Wichtig ist dabei, echtes Interesse an dem zu zeigen, was das Kind online tut und Gespräche über Medien in den Alltag zu integrieren. Diese sollten offen und möglichst wenig wertend gestaltet werden. So schaffen Eltern ein Umfeld, in dem auch schambehaftete Themen angesprochen werden können.

Was ist im Ernstfall zu tun?

Sollte es doch dazu kommen, dass Kinder oder Jugendliche in Kontakt mit solchen Netzwerken gekommen sind, gilt es auch hier, Ruhe zu bewahren. Folgendes können Eltern tun:

  • Hilfe anbieten: Die Eltern bleiben die wichtigsten Ansprechpersonen für das Kind. In einem gemeinsamen Gespräch können sie herausfinden, wo sie am besten unterstützen können.
  • Anzeige erstatten und Beweise sichern: Eine Strafanzeige ist in solchen Fällen fast immer empfehlenswert. Dafür ist es wichtig, Beweise wie Screenshots von Chats, Profilen und Inhalten zu sichern. Was dabei wichtig ist, findest du hier.
  • Kontakt zur Tatperson oder Gruppe beenden: Es ist wichtig, das Kind aus den vorhandenen Strukturen herauszuholen. Nach der Beweissicherung sollten deshalb die betroffenen Accounts und Gruppen verlassen, gemeldet und blockiert werden.
  • Begleitung im Anschluss: Der Ausstieg und die Folgen werden für das Kind sehr belastend sein. Umso wertvoller ist es, wenn Eltern als Ansprechpersonen erhalten bleiben und bei der Organisation von ärztlicher oder psychologischer Unterstützung helfen.

Sonderfall: Das Kind ist Teil des Netzwerkes

Verständnis aufzubringen, kann schwer sein – umso mehr, wenn das Kind selbst Gewalt ausgeübt hat. Doch gerade hier ist Verständnis gebraucht! Die wenigsten Jugendlichen geraten aus böswilliger Absicht in solche Communities. Häufig sind die Gründe komplizierter. Am besten ist es deshalb, die Auswirkungen des Verhaltens des Kindes wertungsfrei, aber direkt anzusprechen. In dem Zuge erfahrt ihr mehr über die Beweggründe eurer Kinder und könnt gezielt Hilfe anbieten.

Ganz wichtig: Auch Eltern dürfen Hilfe brauchen

Elternratschläge sind leicht gegeben – doch Notsituationen können schnell schwierig und überfordernd werden. Gerade die Selbstverletzung, der Missbrauch und die Täterschaft des eigenen Kindes sind Themen, die belasten können. Auch Eltern sollten sich deshalb, wenn nötig, Hilfe suchen. Ihr seid nicht allein ❤️‍🩹 Schnelle Hilfe bieten beispielsweise das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer (0800 111 0 550) oder die Telefonseelsorge (116 123) – kostenlos und anonym!

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